Evernote ist über die Jahre für mich zu einem der wichtigsten Werkzeuge überhaupt geworden. Es ist das externe Laufwerk für mein Gehirn. Ich organisiere alle Informationen, die nicht aus irgendeinem Grund einen besonders hohen Schutzbedarf aufweisen, in Evernote Notebooks. Besonders genieße ich die Möglichkeit, Evernote auf sehr einfache Art in nahezu alle meine Paperless-Office-Workflows einzubinden, beispielsweise in Kombination mit Pocket.

Meine „Beziehung“ mit Evernote begann 2010. Damals war ich beruflich noch 100% Windows-User und begeistert von dem gerade herausgekommenen OneNote – meine „erste Liebe“ im Bereich des persönlichen Informationsmanagements. Jedoch wollte ich unbedingt auf Mac umsatteln (was ich bisher nicht bereut habe) und OneNote gab es leider nur für Windows. So kam der Evernote-Elefant ins Spiel. Ich habe ihn lieben gelernt und kann mir heute den Alltag ohne ihn nicht mehr wirklich vorstellen. In den letzten zwei Jahren macht es Evernote mir jedoch gefühlt immer schwerer, diese „Liebesbeziehung“ aufrecht zu erhalten.

  • Da ist das komplizierter gewordene Preismodell. Früher gab es kostenlos und kostenpflichtig. Kostenpflichtig waren höhere Upload-Volumina und Funktionen wie PDF durchsuchen o.ä. Ein sehr klar differenziertes Freemium-Modell. Nach sehr kurzer Zeit habe ich meinen Account upgegradet, weil dies für meine Zwecke einfach sinnvoll war und der Preis in Ordnung ging.
  • Dann wurde die Variante „Kostenlos – Plus – Premium“ eingeführt. Eine Differenzierung, die ich schon damals für völlig unnötig hielt und die aus meiner Sicht den einzigen Zweck hatte, höhere Preise zu verlangen. Denn bisher im einzig möglichen kostenpflichtigen Plan enthaltene wichtige Funktionen wie Durchsuchen von PDF-Dateien war plötzlich nur noch in der teuersten Variante verfügbar. Natürlich habe ich wieder upgegradet – diesmal aber schon recht widerwillig. 39 EUR p.a. ist für einen Cloud Service schon ein ordentlicher Satz.
  • Danach kam Evernote Business. Aus meiner Sicht auch wieder nur ein Gewinnmaximierungs-Ansatz. Eine für ich damals wichtige Funktion war die Historie bei gemeinsamer Bearbeitung von Dokumenten in Evernote. Man kann also nachvollziehen, wer wann welche Änderungen bspw. an einem eingebetteten Excel-Dokument vorgenommen hat und ggf. alte Stände reproduzieren. Für  Zusammenarbeit im Team ein wichtiges Profi-Feature, das sonst nur in Intranets (bspw. SharePoint) zur Verfügung steht. Allerdings wurden hierdurch aus 39 EUR p.a. (und der problemlosen Zusammenarbeit bspw. mit Nutzern der Kostenlos-Variante) mal eben 120 EUR pro Benutzer und Jahr. Das tat schon weh. Hinzu kam, dass die Business-Notebooks recht instabil waren, Synchronisierungsfehler an der Tagesordnung waren und „Leichen“ nicht richtig gelöschter Notizen mir oft die Nerven raubten. Nach zwei Jahren haben wir Evernote Business wieder gekündigt, weil es insgesamt betrachtet den Preis einfach nicht ansatzweise wert war.

Natürlich benutze ich trotz aller Meinungsverschiedenheiten immer noch Evernote. Eine solche gewachsene Beziehung wirft man nicht wegen ein paar Meinungsverschiedenheiten einfach hin.

Aber wie das so ist, die erste große Liebe vergisst man nicht so leicht. Und als die wieder ins Spiel kam, war es wieder da, dieses Gefühl. Das hübsche, sexy OneNote war wieder da. Es funktioniert auf allen Geräten und es ist komplett kostenlos. Ich gebe zu, das brachte mich recht schnell ins Wanken.

Nun ist aber auch bei OneNote nicht alles so golden, wie Microsofts Marketing-Abteilung und der eine oder andere Microsoft Fanboy uns weismachen wollen. Ganz klar: die Integration mit Office 365 ist ein USP. Aber besonders auf dem Mac empfinde ich die Usability von OneNote (nett ausgedrückt) als gewöhnungsbedürftig. Bei weitem nicht so ausgefeilt wie Evernote. Und bezüglich Usability sind Mac-User sehr verwöhnt. Bei Microsoft hat das auch irgendwie Tradition: die Mac-Versionen (bspw. auch Office) sind mit einer gewissen Lieblosigkeit zusammengeschustert, die man in den Windows-Versionen nicht so vorfindet. Auch das Ökosystem aus App-integrationen ist bislang noch nicht so umfangreich wie bei Evernote.

Kurz: Sexy OneNote fühlt sich auch nicht mehr so knackig an wie früher.

Dennoch ist OneNote insgesamt durchaus mit Evernote vergleichbar. Plus: es ist komplett kostenlos und kommt nicht mit nervigen Spielchen wie „gratis nur auf 2 Geräten“. In meinem subjektiven Empfinden liegt Evernote auch in Punkto Datenschutz/Privatsphre vorn. Wenngleich ich mir natürlich dessen bewusst bin, dass beides US-Unternehmen sind und damit sensible Daten in beiden per se nicht gut aufgehoben sind.

Fakt ist aber: OneNote ist zu einer absolut ernst zu nehmenden Konkurrenz für Evernote herangewachsen. Microsoft unterstreicht dies explizit durch das eigens geschaffene Importer-Tool, das die Migration von Evernote zu OneNote erleichtern soll. Für mich selbst nicht relevant, da es nur mit Windows funktioniert. Und wenn man Berichten glauben darf, auch nicht wirklich ausgereift. Aber dennoch: Es ist eine klare Kampfansage.

Man darf davon ausgehen, dass diese „Kriegserklärung“ im Evernote Headquarter zu einigen Kopfschmerzen geführt hat. Ich hätte erwartet, dass seitens Evernote eine Reaktion der Kategorie „Wir werden jetzt noch besser, noch transparenter, noch offener für Integrationen, so dass Du, lieber Kunde, nie das Bedürfnis verspürst, auch nur nach OneNote zu schielen“ folgt.

Statt dessen kommt Evernote mit einer Ohrfeige für seine Kunden um die Ecke: Man erhöht die Preise. Und zwar satt!

  • Die kostenlose Version wird auf 2 Geräte beschränkt. Zur Erinnerung: OneNote lässt solche Spielchen komplett weg.
  • Aus 19,99 EUR für PLUS werden nun 29,99 EUR
  • Und aus 39,099 EUR für Premium werden gleich 59,99 EUR

Natürlich, das bringt objektiv betrachtet niemanden in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Mein Evernote Premium Account bspw. schafft mir einen deutlich höheren Wert als 59,99 EUR pro Jahr.

Aber darum geht es nicht. Es geht darum, wie Evernote mit seinen Kunden umgeht, wie die Company Kunden wertschätzt. Statt durch kontinuierliche Verbesserung immer ein bisschen mehr zu liefern, als der Kunde erwarten würde, und dadurch aus einfachen Kunden begeisterte Fans zu erschaffen, zockt man ab. Für mich vollkommen unverständlich.

Irgendwann wird sich das Blatt wenden: Dann kommt OneNote mit noch besserer Usability um die Ecke. Und mit einem wirklich genialen Migrationstool. Oder eine neue Company kommt mit einem völlig neuen Konzept. Dann werden die treuen Evernote-Kunden wie ich weniger werden. Sie werden ihre liebgewonnene, aber nicht mehr ganz taufrische Produktivitätsumgebung in Frage stellen für ein neues knackig-sexy Tool. Und dann werden sie sich wieder an Intransparenz und kundenunfreundliche Preispolitik bei Evernote erinnern.

Dann auch für uns User gilt der (abgewandelte) Evernote Claim:

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(WE) REMEMBER EVERYTHING!